Der Mensch im Hund-Menschen-Team

Warum Hundeerfahrung allein keinen Trainerexperten ausmacht? 

Dass ich mit einem Schäferhund aufgewachsen bin, ihn als Kind stundenlang beim Schlafen studiert habe, sein Futter probierte und auch seine Leckerchen kostete hat mich leider zu keinem Hundeexperten gemacht. Wenn ich gelegentlich bei einschlägigen Hundetrainern lese, wie sie durch das Zusammenleben mit Hunden von Kindheitsbeinen an bis zu ihrem jetzigen Erwachsenenalter zu dem Experten geworden sind, der sie nun behaupten zu sein, erschleicht mich das Gefühl, dass ich definitiv etwas falsch gemacht haben muss. Oder nicht?

Ich bin kein Hundetrainer, kein Hundeexperte – Was habe ich bloß versäumt, dass ich das von mir trotz meiner langjährigen Erfahrung mit den vielen Hunden, die mich in meinem Leben begleitet haben, nicht von mir behaupten kann?

Diese Frage ist für mich schnell geklärt: Es gibt nur einen Zustand, von dem ich vermute, dass ich ausgelernt haben werde und dieser folgt mit dem Tod.

Wenn ich in den vergangenen Jahren etwas gelernt habe dann, dass jedes Lebewesen von Individualität geprägt ist und es einfach keine Pauschallösungen oder -antworten gibt. Zu viele Faktoren nehmen Einfluss darauf, ob etwas gelöst wird oder ungelöst bleiben muss.

Im Zusammenleben mit unserem Hund bilden wir ein System, auf das viele Faktoren einen Einfluss nehmen. Und ein nicht unwesentliches Element dabei ist der Mensch selbst.

Jeder von uns entstammt einem individuellen System, einer Familie, und ist zugleich auch noch Teil vieler anderer Systeme wie Schule, Beruf, Verein usw. und agiert eben auch auf unterschiedlichste Weise in seiner Welt der Systeme. Wir haben gelernt, uns in dieser Welt der Systeme mehr oder weniger zurechtzufinden, haben Aufträge angenommen, sind Allianzen eingegangen und haben Verhaltensmuster perfektioniert, die wir immer wieder da anwenden, wo wir glauben, diese entsprechend unserer eigenen Definition, was Erfolg bedeutet, auch erfolgreich einsetzen zu können. Auf dieser Grundlage erwachsen im Zusammenleben mit anderen natürlich auch Konflikte. Wir verhalten uns eben so, wie wir es gelernt haben. Trigger, die wir in unserem System erfahren haben, werden uns – ohne Reflektion – auch weiterhin triggern und uns dazu bringen, unsere gelernten Verhaltensmuster auszupacken. Nur ob das zur Lösung eines Konfliktes hilfreich ist?

Systeme können sich durchaus ähneln, aber oft reicht allein ein kleiner Unterschiedlichkeitsaspekt, der eine Lösungsstrategie nicht zur Lösungsstrategie eines anderen werden lässt. Ich denke, das lässt sich gut nachvollziehen – spätestens dann, wenn eine Freundin oder ein Freund bei der Lösung eines Problems, das man hat, behilflich sein will und dabei genau das empfiehlt, was bei ihr bzw. ihm geholfen hat.

Dennoch scheinen einige Trainer zu glauben, dass das bei Hunden nicht so ist. Oder wie ließe es sich erklären, dass man propagiert, das eigene Konzept sei eine Lösung für jeden, wirklich jeden Hund? Die Individualität des Hundes, des Besitzers und der Umwelt, in der beide leben, scheint hier gerne ausgeblendet zu werden. Dass es aber Menschen gibt, die an dieses auf alle anwendbares Rezept glauben, lässt mich immer wieder kopfschüttelnd zurück.

Als Systemikerin fasziniert mich die Welt der Systeme, die wir oft bei der Lösung von Problemen viel zu selten wahrnehmen und damit dem Einfluss unseres Systems dabei eine viel zu geringe Bedeutung beimessen. Ich persönlich spreche bei der Lösung von Problemen lieber von einer Veränderung, die einhergehen kann mit einer veränderten Position im System, mit einer veränderten Einstellung zum System oder eben auch mit einem veränderten Verhalten im System.

Aus diesem Grunde kann ich kein Experte für Hunde sein, denn ich bin nicht einmal einer für Menschen – und das, obwohl ich mit Menschen aufgewachsen bin. Viel zu komplex und vielschichtig wird der Mensch durch sein System beeinflusst. Möchte ich nachhaltig eine Veränderung in einer problembehafteten Situation bewirken, dann muss ich mir zunächst für den Menschen Zeit nehmen, sein System verstehen lernen oder zumindest erkennen, worauf sich seine ihn bestimmenden Verhaltensmuster gründen.

Nur eine Veränderung beim Menschen, kann auch eine Veränderung im System bewirken und damit für die problembehaftete Situation. Wenn ich den Menschen nicht im Blick habe, dann könnten mir wichtige Aspekte verloren gehen, die ich für eine nachhaltige Lösung eines unglücklichen Zustandes benötige.

Will ich also ein Verhalten bei einem Hund verändern, dann muss in meinen Augen auch der Mensch im Blick sein, denn der Hund ist meist nicht nur Spiegel eines Problems, das sein Mensch hat, sondern der Mensch ist in vielem das Problem seines Hundes – ein Problem, das seinen Ursprung nicht allzu selten im familiären System hat.

Daher bin ich generell skeptisch gegenüber Hundetrainern, die ihre Qualifikation in ihrer langjährigen Erfahrung mit Hunden sehen. Denn im System Mensch-Hund muss ich erst einmal Experte für den Menschen sein, der den Hund führt, um zu verstehen, wie und wo ich überhaupt ansetzen kann, um eine Veränderung anzustoßen.

Corinne Keller

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