Der Tierschutzhund

Wir Menschen sind schon eine komische Spezies. Es gibt wohl keine zweite, die so zerrissen ist, wie wir es sind. Gut und Böse, Licht und Dunkel, Liebe und Hass. Wir eiern zwischen zwei Polen hin und her – und sind damit oftmals einfach überfordert. Die einen, weil sie ein Übermaß an Reflexionsvermögen besitzen, die andern, weil selbiges fehlt. Ein großes Dilemma nicht wahr?

Wir freuen uns über Besuch und sind innerlich angespannt, weil einem der Gedanke durch den Kopf schießt, ob die Tür zum Wäschezimmer geschlossen ist. Nehmen jemand im Auto mit und unterhalten uns fröhlich, während der Blick zur Uhr wandert und sich das schlechte Gewissen meldet, dass man im Grunde schon längst zuhause hätte sein sollen. Wir Menschen können nicht nur schwarz oder weiß.

Manchmal jedoch gibt es sie, diese Momente, in denen man alles ausblenden kann; das sind die kleinen Oasen unseres Alltages. Aber sie sind selten, weil die Natur nicht vorgesehen hat, dass wir gedankenlos durch die Gegend rennen. Sie hat uns ein großes Geschenk gemacht, indem sie uns die Gabe der Reflexion gegeben hat – und eines, welches eine große Verantwortung mit sich bringt. Die nämlich, es sinnvoll zu nutzen, um daran zu wachsen und um zu helfen. Nicht mehr der unreflektierte, kindliche Altruismus, mit dem wir übrigens alle!, ob „guter” oder „böser“ Mensch, auf die Welt gekommen sind, sondern der reflektierte: „ Was kann ich bewusst tun, um zu helfen, zu unterstützen, die Welt besser zu machen?“

Ein Hund lebt im heute. Er lebt jetzt. Jede seiner Handlungen sind 100 Prozent. Nicht, wie bei uns Menschen nur halb oder manchmal herzlos. Nein, ein Hund handelt immer mit allem, was er hat. Wenn er glücklich ist, dann ist er glücklich, ohne einen Nebengedanken an etwas Anderes zu verschwenden. Er ist mit sich im Reinen. Wenn es draußen gewittert, kann er nicht reflektieren, WARUM er Angst hat. Er hat sie einfach. Ein Hund der gefangen wurde und kurz vorm Verhungern ist, kann nicht reflektieren, WAS den Menschen dazu bewegt hat, ihn so zu quälen. Er empfindet die Qual einfach. Jetzt. Gerade eben. Ungefiltert.

Ein Hund der getreten wird, kann nicht reflektieren, was er falsch gemacht hat, aber empfindet den Schmerz. Ein Schmerz, der viel mehr ist als ein Tritt, ein Gefangensein oder das Gefühl des Hungers – es ist die Seele des Hundes, die mit jedem Tritt, mit jedem Moment der Angst Schmerzen erleidet. Es ist die Seele, die ausgehungert ist, noch lange bevor der Hund den Hunger verspürt. Alleine. Hilflos ausgeliefert denen, welche die Möglichkeit hätten, das einzusetzen FÜR den Hund, was diese nicht haben – das Reflexionsvermögen!

Mein Herz bricht, wenn ich Hunde aus dem Tierschutz besuche. Zusammengepfercht in Zwingern. Zwei Augen hinter Gitterstäben, die unreflektiert all das wiedergeben, was sie erlebt haben. Beginnend beim überflüssig gewordenen Familienhund über den aussortierten Schutzhund, bis hin zu dem geretteten Hund aus dem Ausland oder eines Vermehrers. Und dann sehe ich, mit welcher tiefen Dankbarkeit sie das Leben und die Liebe annehmen, wenn sie die zu Beginn unerklimmbar erscheinende Mauer der Angst überwunden haben. Das Vertrauen erlernt haben, dass es Menschen gibt, die einen Hund so nehmen, wie er ist. Mit seiner ganzen Geschichte, mit seiner Angst oder Aggression –  oder der desolaten Gesundheit. Ich sehe viele Menschen um mich, die mit ihrem ‘Secondhand – Hund ‘ein sehr inniges Team geworden sind und möchte mich bedanken. Jeder einzelne Hund hat einen menschlichen Engel zur Seite gestellt bekommen, der sein Refelxionsvermögen eingesetzt hat, um sich für einen Hund aus dem Tierschutz zu entscheiden und vorher geprüft hat, ob dies leistbar ist. Es ist mir eine Ehre mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten und befreundet sein zu dürfen. Ich bin Halterin eines Rassehundes und schneide mir von dieser Einstellung eine große Scheibe ab, indem ich meinen Hund mit Liebe und Empathie erziehe, weil sie es einfach nicht verdient haben, anders behandelt zu werden!

Eure Aurea

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