Die liebe Erfahrung

Unseren heutigen Blogbeitrag widme ich einfach mal allen die „Erfahrung“ haben und deshalb glauben sie hätten damit automatisch auch Wissen.

Ich lese und höre so oft Aussagen wie:

„Ich habe seit 30 Jahren Hunde, ich weiß das“

„Da brauche ich auf kein Seminar, das kann ich bei meinen eigenen Hunden ja sehen“

„Warum sollte ich etwas lernen, wenn ich selber schon so lange Hunde habe. Ich weiß das ganz genau“

„Ich spreche aus Erfahrung“

Ich denke jeder von euch kennt diese Sätze, wenn man versucht jemanden mit Argumenten davon zu überzeugen, dass ein Leinenruck schädlich ist, dass eine Schleppleine nicht an ein Halsband gehört oder man einen Hund nicht im Nacken packen, über die Schnauze greifen oder auf den Rücken werfen soll.

„Ich habe das schon immer so gemacht und meinen Hunden ging es immer gut!“

Really?! Haben sie euch das im persönlichen Gespräch mitgeteilt? 
Da ihr ja keine Seminare zum Thema Körpersprache und Ausdrucksverhalten besucht habt, sondern euch von euerem eigenen subjektiven Eindruck lenken lasst, der euch sagt „meinem Hund gehts gut“, ist euere Aussage bezüglich des Zustands eueres Hundes in etwa so haltbar wie die Erde = Scheibe Behauptung.

Ich sehe sehr oft Hunde die massives Meideverhalten gegenüber ihren Haltern zeigen und diese grinsend daneben stehen und behaupten „dem gehts gut“.

Nein, ich würde mir wünschen, dass Menschen sich einfach mal offen mit diesem Thema befassen und sich weiterbilden. Auch wenn es vielleicht weh tut zugeben zu müssen, dass man dem eigenen Hund unrecht getan hat.

Wie ist das aber jetzt mit der Erfahrung?

Ich habe zum Beispiel seit 39 Jahren ein Herz, bin aber dewegen noch lange kein Kardiologe.

Auch habe ich seit 39 Jahren einen Herd. Sterneküche? Fehlanzeige!

Ich habe seit 21 Jahren ein Auto, bin aber kein Kfz Mechaniker.

Ich glaube diese etwas überspitzten Vergleiche sollten klar machen, was von Erfahrung zu halten ist.

Kurt Tucholsky hat den passenden Satz gesagt:
Erfahrung heisst gar nichts. Nur weil man etwas 30 Jahre macht, heisst es nicht dass man es auch richtig macht.

Erfahrung ist kein Qualitätsmerkmal sondern leider sehr oft das Gegenteil hiervon.

Warum musste ich eigentlich einen Trainerschein des BLSV machen um Leute trainieren zu dürfen. Ich mache doch schon mein ganzes Leben Sport und hätte auch so für die Fitness meiner Einheit sorgen können. Nein, der Arbeitgeber verlangt doch tatsächlich, dass ich mich erst intensiv aus- und fortbilde bevor ich meine Finger an die Gesundheit anderer Mensche lege. Komisch oder ?

Aber Erfahrung ist nicht nur negativ, klar. 
Wenn man aufgrund von angeeignetem Wissen seine Erfahrungen sammelt und diese damit auch korrekt einzuordnen weiss, ist es etwas ganz tolles.

Aber Erfahrungen ohne Wissen zu sammeln ist weder gut, noch produktiv.

„Hast du dir das von anderen erzählen lassen oder hast du wie ich die Erfahrung selber gemacht?“ 
Das wurde ich neulich gefragt, als ich darauf hinwies welche massiven Schäden eine Schleppleine am Halsband verursachen kann. Natürlich mit den üblichen Floskeln wie „Fachsimpler“, etc. 
Was sage ich darauf? 
Natürlich lasse ich mir von anderen, nämlich von Leuten die das studiert haben und deshalb fundiert dazu in der Lage sind andere aus- und fortzubilden. 
So läuft das in der Schule, der Ausbildung, im Studium etc.
Das ist der Grund, warum wir hier zu Lande einfach einen hohen Qualitätsstandard haben. Weil wir Leute erst mit Wissen füttern und sie dieses Wissen dann umsetzen und Erfahrungen sammeln und nicht umgekehrt. 
Man stelle sich vor, man lässt einen Medizinstudenten im ersten Semester eine OP am offenen Herzen durchführen. Ok, Patient verstorben, Erfahrung gemacht beim nächsten mal besser nicht die Aorta mit der Kneifzange durchtrennen. 
Wissen ist die Grundlage für nützliche Erfahrungen. 
Erfahrungen die ohne Wissen gesammelt werden sind in etwa so nützlich wie Fusspilz. Sie stehen nämlich der Aneignung von korrektem Wissen im Wege. Kognitive Dissonanz ist hier der entscheidende hemmende Faktor.

Abschließend möchte ich anmerken, dass der Satz „Ich habe seit dreissig Jahren Hunde“ gleichbedeutend ist mit „Ich habe eigentlich keine Ahnung von dem was ich eigentlich mache“.

In diesem Sinne, bildet euch fort und verschont uns und euere Hunde mit eueren „Erfahrungen“.

Andi

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