Die Verstärker Teil 4

Zu diesem Thema möchte ich euch meinen persönlichen Werkzeugkoffer vorstellen. Er beinhaltet unter anderem ein Sortiment an Verstärkern. Wir öffnen den Kasten also und sehen auf der linken Seite die primären Verstärker (Schraubenzieher Set mit unterschiedlichen Aufsätzen) .

Der Schraubenzieher ist eine Belohnungsmöglichkeit für den Hund und unterteilt sich in viele unterschiedliche Aufsätze. Je nachdem, welche Schraube es zu lösen oder welche Situation es zu meistern gilt, wird der passende Aufsatz auf den Schraubenzieher gesteckt. Mal benötigt man einen Kreuzschraubenzieher, mal einen Großen, mal einen Kleinen. Auf den Hund bezogen bedeutet dies, wir haben verschiedene Verstärker für verschiedene Situationen. Man nennt dies auch bedürfnisorientiertes Belohnen. Ich muss, wenn ich eine Schlitzschraube entfernen will, nicht mit einem Kreuzschrauber ankommen. Genauso auch bei eurem Hund. WENN ihr mit Verstärkern arbeitet, macht euch Gedanken, was euer Hund in dieser Situation mag und braucht. Wenn es heiß ist, könnt ihr zum Beispiel Wasser als Belohnung geben, weil er Durst hat. Wenn ihr nun aber stattdessen ein trockenes Leckerli hinschmeißt (Kreuzschlitz), wird es nicht die Wirkung haben, die ihr euch wünscht, einfach weil sich eine Schlitzschraube mit einem Kreuzer nicht lösen lässt. Passiert das öfter, wird euer Hund das Werkzeug nicht mehr als lohnenswert empfinden, die Wirkung lässt somit nach.

Wie können primäre Verstärker aussehen?
Eine kleine Liste:

Baden, Leckerlies, Buddeln, Ball hinterher jagen, Zergeln, Schnüfffeln, Streicheln, Tricks, Lob, gemeinsames Rennen….die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Kurzum, alles was eurem Hund Spaß macht, sammelt ihr in euren Werkzeugkoffer auf der linken Seite. Sortiert sie übersichtlich, am besten schriftlich, dann fällt es euch leichter, sie später einzusetzen.
Auf der rechten Seite des Werkzeugkoffers befindet sich der sekundäre Verstärker.

Was ist das und wofür verwendet man ihn?

Er ist das Ankündigen der Belohnung ( also des primären Verstärkers).Als sekundären Verstärker kann man den Clicker, das Markerwort (wir haben click und yipp), ein Schnalzgeräusch oder bei tauben Hunden ein Sichtzeichen verwenden. Warum kann ich nicht direkt den primären Verstärker nehmen? Ganz einfach, entweder wir sind zu langsam oder die Situation lässt eine unmittelbare Belohnung nicht zu ( Hund ist weiter weg). Damit ein Hund aber versteht: „ oh, das habe ich toll gemacht, es lohnt sich, dieses Verhalten nochmals zu wiederholen“ ( operante Konditionierung-> PV) , sollten zwischen gezeigtem Verhalten und dem Belohnen nicht mehr als 0,5 Sekunden liegen. Sonst kann es passieren, dass der Hund bis er die Belohnung bekommt, etwas völlig anderes macht, unter Umständen sogar etwas Unerwünschtes, für welches er dann belohnt wird. Damit das nicht passiert, ist der sekundäre Verstärker ein sehr präzises und effizientes Werkzeug, welches in eurem Werkzeugkoffer nicht fehlen sollte.
Um es ein bisschen plastischer darzustellen, hat mir ein Freund mal ein wunderbares Beispiel genannt. Stellt euch folgendes vor: Ihr habt eine Kamera. Jedes Mal, wenn euer Hund etwas toll gemacht hat, drückt ihr auf den Auslöser. Und zwar genau in dieser Sekunde. Wunderbar, das Foto müsst ihr euch aufheben für Zeiten, wenn´s mal nicht so rund läuft und Fiffi denkt, er müsse sich am nächsten Laternenpfahl verewigen, anstatt schnurstracks zu euch zurück zu kommen. Das Drücken auf den Auslöser ist unser sekundärer Verstärker. D.h. in dieser Sekunde kündigen wir an: Super klasse, du bekommst genau für DIESES Verhalten eine Belohnung. Natürlich kann man nie ausschließen, dass nicht noch andere Verhaltensweisen mitkonditioniert werden; im Grunde ist es sogar sehr wahrscheinlich. Wer weiß, ob ich beim Leinentraining, wenn der Hund an der lockeren Leine läuft und ich dieses Verhalten marker, nicht gleichzeitig den Duft der nächsten Nachbarskatze mit einbeziehe. Wir können nur das einfangen, was wir sehen. Aber wenn das präzise passiert, ist dies eine sehr feine Art zu arbeiten und: da kann ich aus Erfahrung sprechen:Man konditioniert sich gleich positiv mit. Wenn ich mit dem Clicker unterwegs bin, meine Güte, dieses Geräusch, ich find es unglaublich gut. Bei jedem Click habe ich ein Foto gespeichert von einem tollen Moment. So entsteht vor meinem inneren Auge langsam ein ganzes Album, welches sich jeden Tag mehr füllt, in dem man blättern kann, wenn es mal nicht so gut läuft und welches unendlich erweiterbar ist. Ich liebe das Arbeiten mit positiver Verstärkung, weil es mich glücklich macht!
Da aller guten Dinge drei sind, möchte ich noch den tertiären Verstärker vorstellen.
Auch er gehört in den Werkzeugkoffer. Ihr kennt das Topfschlagen aus Kindertagen bestimmt noch. Wenn die Kinder „ wärmer, wärmer“ rufen, je näher man dem Topf kommt. Was hat das Rufen für einen Zweck? Es hilft dem Suchenden, an sein Ziel zu kommen und motiviert, durchzuhalten. Je näher das Kind beim Topf ist, desto schneller und aufgeregter erklingt das „ wärmer“ . Das Kind hat den Topf erreicht und klopft drauf ( sekundärer Verstärker) , darf den Topf hochheben und das Gummibärchen ( primärer Verstärker) essen. Ganz genauso kann man sich den tertiären Verstärker beim Hund vorstellen. Er zeigt dem Hund, du bist auf dem richtigen Weg. Durch bestimmte Silben lalalal oder gogogogo wird dieses „Wegweisen“ unterstützt, bis der sekundäre Verstärker den tertiären Verstärker ablöst. Auch hier gibt es wieder unterschiedliche Möglichkeiten. Auch das Zucken eurer Hand in Richtung Leckerliebeutel ist ein tertiärer Verstärker. Bemerkt habe ich das bei mir erst, als ich mich habe filmen lassen. Ihr seht, euer Werkzeugkoffer wird ziemlich voll. 

Belohnen nach Premack
Wenn ich über Verstärker schreibe , sollte ich dieses Prinzip der Belohnung wenigstens anreißen.

Die Gelegenheit zu wahrscheinlicherem Verhalten kann weniger wahrscheinliches Verhalten verstärken“(David Premack, 1962).

Was bedeutet das für euch und eure Hunde?

Ein Beispiel:

Ein Hund liebt es, ins Wasser zu springen ( wahrscheinliches Verhalten). Nun rennt er also in die Leine, weil er einige Meter weiter den Bach entdeckt hat , in welchen er unbedingt möchte. Herrchen bleibt stehen mit dem Ziel, dass der Hund sich hinsetzt und sich zu ihm umorientiert( weniger wahrscheinliches Verhalten ) . Zeigt er dieses Verhalten, bekommt er als Belohnung das, was er im Begriff war auszuführen und unbedingt möchte, nämlich das Springen ins kalte Nass. Oder: Der Hund entdeckt ein Mauseloch, welches er aufbuddeln möchte, bekommt die Freigabe aber erst, wenn er das Verhalten gezeigt hat, was ihm in dieser Situation nicht einfach fällt, nämlich z. Bsp. das Umorientieren auf den Halter. Premack arbeitet also mit der Motivation des Hundes. Die größte Belohnung ist demnach nicht zwangsläufig das Leckerlie, sondern eben das zuvor ausgeführte ( selbstbelohnende ) Verhalten. Natürlich ist bei der Anwendung darauf zu achten, dass nicht Verhaltensweisen als Belohnung genutzt werden, die nicht erwünscht sind. Wenn euer Hund also unbedingt an jemandem Hochspringen möchte, wäre es kontraproduktiv, dieses Verhalten als Verstärker einzusetzen. In abgewandelter Form jedoch, nämlich dem Besuch auf allen Vieren stehend „ Hallo!“ sagen zu dürfen, bekommt er, was er möchte ( hin zum Besuch ) und ich sage euch, die Methode funktioniert wunderbar.
Ich nutze alle diese Verstärker gerne und viel, weil es einfach wahnsinnig Spaß macht, zu sehen, wie sehr mein Hund davon profitiert. Wie sehr es uns zusammenschweißt und was für riesige Fortschritte sich entwickeln können durch das Nutzen dieser, meiner selbstausgesuchten Werkzeuge!

Aurea

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