Ein Plädoyer für das Hier und Jetzt

Wenn man mit Mensch-Hunde-Teams arbeitet, dann begegnet man oft zwei sehr verschiedenen Sichtweisen, die Menschne prägen können.

Die einen Menschen, die in die Zukunft schauen, was ihr Hund alles können soll und wie er zu funktionieren hat und die, welche besorgt in die Vergangenheit blicken, mit dem, was alles versäumt wurde, was falsch gelaufen ist und was man alles investiert hat. Beiden ist gemeinsam, dass sie oft den Blick für das Hier und Jetzt verloren haben. Die einen schauen zurück, die anderen schauen weit nach vorne.
Beiden fehlt ein wichtiger Aspekt für das Gesamtbild: der Blick für das Hier und Jetzt.

Wie oft höre ich ein „Ja, aber, das habe ich früher so und so gemacht!“ oder ein „Und das soll funktionieren und er wird das und das zukünftig dann nicht mehr tun?“
Ich nehme mir für solche Reaktionen gerne die Zeit und frage:
– Können Sie die Vergangenheit ändern?
– Können Sie all das, was zu kontrollieren wesentlich wäre, so beeinflussen, dass Sie eine Garantie für die Zukunft haben werden, dass das eintreffen wird, was Sie sich vorstellen?
Natürlich nicht.
Es wäre jedoch auch falsch zu behaupten, dass die Vergangenheit nicht wichtig für die Gegenwart wäre. Wir müssen aus ihr lernen, wir müssen sie verstehen, um zu wissen, was sie im Hier und Jetzt von uns einfordert. Selbstverständlich gilt es zu reflektieren. Jedoch sollten wir aufhören, den Blick ständig nach hinten zu wenden, denn so werden wir nicht vorwärts gehen können – zumindest nicht ohne Umwege.
Es wäre aber auch falsch, die Zukunft aus den Augen zu verlieren, denn wir sollten Ziele haben, für die wir bereit sind zu kämpfen und uns einzusetzen. Allerdings mit dem starren Blick nach vorne, verlieren wir den Sinn für die Gegenwart, übersehen das, was im Hier und Jetzt erforderlich ist, um die Grundlagen für das legen zu können, was wir uns für die Zukunft wünschen.
Wenn man mit Menschen arbeitet, die in ihrer Verzweiflung nicht die Möglichkeiten des Augenblicks erkennen, ist es mir wichtig aufzuzeigen, was wir in der Zuwendung zu unserem Hund im Hier und Jetzt gewinnen können.
Wenn wir auf das schauen, was seine Bedürfnisse sind, kann ich darauf adäquat reagieren. Wenn ich jedoch nur darauf schaue, was ich falsch gemacht habe, was gewesen ist und was ich versäumt habe, fehlt mir die Kraft, aber auch der Mut den Moment zu nutzen und mich auf etwas Neues einzulassen. Selbiges gilt für das ewige Hinterhechten weit in der Zukunft liegender Ziele.
Mit starren Blick auf das Ziel übersehen wir die kleinen Erfolge, die Schritte, die erst das ermöglichen, was am Ende steht. Und gerade weil es uns schwer fällt, das Vorankommen auch in den kleinen Schritten zu feiern, laufen wir Gefahr, dass wir das Ziel, was wir uns für die Zukunft gewählt haben, nie erreichen werden.
Es geht nicht darum Erwartungen zu erfüllen oder gar Erwartungserwartungen. Es geht darum auf das zu schauen, was dieser Moment von uns erfordert, um der Vergangenheit das Notwendige entgegenzusetzen und den Moment zu nutzen, um die Zukunft zu verändern. Es geht darum, unseren Hund zu sehen, was er in diesem Moment von uns benötigt und was er uns in diesem Moment geben kann.
Viel zu oft leiten uns die Erwartungen, die wir aus den Fehlern der Vergangenheit und dem Druck der Zukunft entwickelt haben. Wir wollen einen funktionierenden Hund, am besten ohne Rückschläge im Training und bitte so, dass die von uns als Fehlverhalten deklarierten Eigenarten unseres Hundes nicht mehr in Erscheinung treten. Setzen wir jedoch diese Kriterien zur Beurteilung von Trainingserfolgen an, fehlt uns das Verständnis für den Moment, in dem vielleicht genau begründet liegt, warum wir scheitern – warum zum Beispiel unser Hund uns gerade nicht Folge leisten kann, warum er lieber schnüffelt, als zu uns zu kommen.
Antennen zu haben für den Augenblick, in dem wir eine Erwartung an unseren Hund herantragen, hilft uns zu verstehen, was er an Unterstützung benötigt, diese Erwartungen zu erfüllen. Es hilft uns aber auch zu verstehen, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden können, weil zum Beispiel Umweltreize zu verlockend sind oder körperliche Befindlichkeiten zu erschwerend und es zeigt uns damit auf, auf was wir in der Zukunft achten müssen oder was es zu ändern, verändern oder zu üben gilt.
Schauen wir mehr auf das Hier und Jetzt, genießen wir den Augenblick und lernen wir von unserem Hund, was es heißt in diesem Moment das zu tun, was der Augenblick uns bietet. Nutzen wir seine Chance, um die Vergangenheit zu entschweren und die Zukunft zu beleben.
Was das heißt, hat mir erst vor kurzem eine Begegnung mit einem älteren Herrn erneut vor Augen geführt und mich dazu bewegt, diese meine Gedanken zu einem Plädoyer für den Moment festzuhalten. Diese kleine Niederschrift hegt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern spiegelt mein persönliches Empfinden wieder, als ich mich von dem Herrn verabschiedete. Mit dieser Begegnung möchte ich nun auch meine Gedankennotiz beenden.
Als ich Freunde in den USA besuchte und entlang des Allegheny River spazierte, traf ich auf einen alten Mann mit seinem Hund. Der Herr war überrascht, dass sein Hund geradewegs auf mich zulief und dabei voller Begeisterung mit der Rute wedelte. Er meinte lächelnd: „Du musst ein Hundemensch sein!“ Ich nickte während ich den Hund streichelte. Als ich sah, dass der alte Mann Probleme mit dem Stehen hatte, lud ich ihn ein, mit mir gemeinsam auf eine Bank in der Nähe zu sitzen. Als wir eine Weile miteinander so saßen, schaute er seinem Hund mit leuchtenden Augen zu, wie dieser Spaß dabei hatte, das Gras abzuschnüffeln und meinte: „Ich wollte schon immer einen Hund haben. Als ich ein kleiner Junge war, war ich es gewöhnt, den Hund im Nachbargarten zu beobachten. Das war vor langer Zeit. Eine Zeit, die sehr verrückt war. Er war allerdings eine arme Kreatur, um die sich niemand kümmerte, an eine Eisenstange gebunden, bestraft dafür, dass er keine Fremden verbellte, lebte er von den schimmeligen Essensresten ein einsames Leben ohne Liebe und Zuwendung. Fast jede Nacht schlich ich mich leise in den Garten unserer Nachbarn, um ihm ein paar Leckereien zu geben und um ihn zu zeigen, dass es jemanden gibt, der sich um ihn sorgt. Und Gott weiß, wie viel Mitgefühl ich für den armen Kerl hatte. Aber dann kam dieser schrecklich harte Winter. Schnee machte es mir unmöglich, ihn weiter zu besuchen, um ihm Gesellschaft zu leisten. Ich erinnere mich daran, wie diese drei stürmischen Tage mich immer wieder an mein Fenster trieben, um nur einen kurzen Blick auf den Garten werfen zu können. Aber es war einfach keine gute Sicht. Als der Schneesturm endlich schwächer wurde, schlich ich mich nicht davon, ich rannte, nein, ich eilte in den Garten des Nachbarn. Als ich mich der Stange näherte, an die er für gewöhnlich angebunden war, sah ich ein Stück Kette im Schnee aufblitzen. Ich schnappte die Kette und fand ihn zu Tode erfroren unter der Schneedecke. Wie eine weiße Decke, die ihn warm hielt. Ich war am Boden zerstört und trauerte um dieses Lebewesen, dem ich gerne so viel mehr von einer schönen Welt gezeigt hätte. Dennoch habe ich daraus etwas gelernt: Im Leben geht es nicht um die verpassten Chancen, es geht um die Momente, die wir am Schopfe packen, um sie zu etwas Besonderem zu machen. Ich habe mir selbst versprochen, dass ich eines Tages ein Hundeleben zu etwas ganz Besonderem machen werde!“

Die Geschichte dieses alten Mannes bewegte mich wirklich sehr und ich erwiderte: „Wir wissen, dass die Zeit schnell vorüber ist. Unsere Hunde wissen das nicht. Sie leben für den Moment, kennen die Zukunft nicht. Wir tendieren ständig dazu, uns über die Dinge zu beklagen, die wir hätten anders machen können. Wir schauen auf all die Dinge, die wir verpasst und die Zeit, die wir verschwendet haben. Jedoch sollten wir auf unsere Hunde schauen, um zu verstehen, was es bedeutet, den Moment zu genießen, den Moment zu etwas Besonderem zu machen, weil die Vergangenheit verloren ist und die Zukunft unvorhersehbar. Es ist der Moment, der zählt, weil wir ihn ändern können.“
Der alte Mann klopfte mir auf die Schulter: „Ich wusste, dass du das Geheimnis eines echten Hundemenschens kennst!“

Marc Olivier – Schneider

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