Jagen – Bindung – Freundschaft

„Mein Hund jagt“ ist praktisch der Supergau. Es scheint, als ob jagende Hunde ihren Menschen den Stempel der Unfähigkeit oder noch schlimmer, den der „mangelnden Bindung“ in Neonfarben auf die Stirn drücken würden.

Mangelnde Bindung“ ist in Hundehalterkreisen DAS Totschlagargument. Aus dieser Nummer kommt man nicht mehr raus.

  • Der Hund begehrt die Nachbarhündin – mangelnde Bindung!
  • Der Hund kommt nicht beim ersten Ruf herbeigeeilt  –  gravierend mangelnde Bindung!
  • Der Hund zieht an der Leine – erbärmlich mangelnde Bindung!
  • Der Hund jagt – erniedrigend kopfschüttelnde, nicht vorhandene Bindung! Der als Bindung habend wahrgenommene Hund ist offenbar die Eintrittskarte in einen erlauchten Kreis wissender Hundehalter. Wobei mir noch niemand erklären konnte, was „Bindung“ überhaupt ist. (Fesselnd finde ich Hunde zwar auch, aber ich denke, das ist nicht damit gemeint.)

„Der Hund hat keine Bindung zu Dir“  klingt nach einer Bringschuld des Hundes. Ersetzen wir aber „Bindung“ durch „Freundschaft“, kommen wir in Zugzwang. Freundschaft funktioniert nämlich nur in beide Richtungen. Hunde wissen das. Und Menschen hoffentlich auch.

So ein mangelnd gebundener und zudem auch noch jagender Hund kann also ganz schön am Ego kratzen.

Und wie immer, wenn etwas am menschlichen Ego kratzt, wird’s für Hunde ungemütlich. Anstatt den Hund für seine Fähigkeiten zu bewundern, wird eine Vielzahl an Hilfsmitteln und Erziehungsmethoden ersonnen, um ihm das, was er am besten kann, gründlich auszutreiben.

Für mich ist das Jagdverhalten aber DIE Pforte ins Seelenleben unserer Hunde schlechthin! Bewacht wird diese Pforte nur von uns selbst und unserer Weigerung, etwas anzuerkennen, das nicht in unser Weltbild passt.

Wir riechen nichts – deshalb können wir nicht verstehen, was in einem Wesen vorgeht, dessen Welt aus einer wabernden, strahlenden, faszinierenden Wolke aus Gerüchen besteht.

Wir hören schlecht – deshalb können wir nicht erkennen, welche Anziehungskraft das Wispern einer Maus im hohen Gras haben kann.

Wir werden von der Last des Alltags erdrückt – deshalb können wir das Gefühl, ganz im Augenblick zu leben, kaum nachvollziehen.

Wir denken in menschlichen Kategorien – deshalb können wir nicht glauben, dass andere Wesen ohne Hintergedanken agieren.

Ein Hund der jagt, will uns aber nicht ärgern oder gar entfreunden („entbinden, wollte ich dann doch nicht schreiben), sondern er tut´s, weil er´s kann. Und mehr noch: Er lädt uns ständig dazu ein, erntet aber lediglich Unverständnis, Verbote oder Schlimmeres dafür.

Ich bin dafür, diese Einladungen anzunehmen, mit Phantasie unsere mangelhaften Sinne auszugleichen, durch Umsicht und Kreativität Belästigung von Wildtieren zu vermeiden und aus Freundschaft den Hunden in ihre Welt zu folgen. In einer Blase aus Lob, Bewunderung und Vertrauen lebt es sich nämlich unglaublich gut 🙂

Ulli Reichmann

 

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