Klassische Konditionierung und Emotionen Teil 2

Dem Thema Emotionen widme ich einen eigenen Artikel , indem ich ein wenig von Charly, mir und unserem teilweise holprigen Alltag berichten möchte. Charly ist ein Sonnenschein! Er ist für mich der beste Hund der Welt, ABER: er hat eine (hausgemachte) Leinenaggression. Viele von euch kennen das Gefühl, einfach nur froh zu sein, die Haustür hinter sich zu schließen und erstmal tief durchzuatmen. „ Endlich wieder zuhause!“ Das ist kein Spaß und auch nicht eine „Kleinigkeit“, die man mal eben „behandelt“ . Eine Leinenaggression ist eine Mischform aus klassischer und operanter Konditionierung (die im nächsten Artikel behandelt wird :D), daher beleuchte ich sie erstmal nur „halbseitig“.

Wie ist sie also entstanden. Zwei Gründe habe ich bei meinen Analysen gefunden. Der erste, und da wären wir beim Thema klassische Konditionierung, war ein Beißvorfall an der Leine von einem Tutnix. Dessen Herrchen schaute lässig winkend zu, während ich damit beschäftigt war, mich vor Charly zu schmeißen, um Schlimmeres zu verhindern. Übrigens war es eben jenes Herrchen, welches mir vor einigen Wochen erneut entgegenkam, diesmal freundlicherweise angeleint und doch wahrhaftig zu mir meinte: „ Ihr Hund ist ja immer noch unerzogen!“ Meine Impulskontrolle war für diesen Tag restlos aufgebraucht! Was hat Charly daraus gelernt?

Er ist an der Leine nicht sicher!

Das was ihm Sicherheit geben sollte, die temporäre „ Verbindung“ zu mir, ist zu einem Stressor geworden. Einmal hat ausgereicht, um die Leine mit negativen Emotionen zu belegen. Die Leine ist also von einem neutralen zu einem konditionierten, negativen Stimulus geworden und die ehemals entspannte Stimmung( UCR) zu einer konditionierten Angst(CR).

Erschwerend kam hinzu, und damit wären wir beim zweiten Grund, dass wir insgesamt sehr wenig Sozialkontakte haben, eben aufgrund dieser Erfahrung einfach vorsichtig sind, Charly jedoch als Labrador, der jeden und alles liebt, unbedingt auch zu jedem und allem hinmöchte. D.h. ich ging also mit einem Hund spazieren, der die Leine per se als Stressor empfand und sich somit bereits in einer erhöhten Erregungslage befand und gleichzeitig in seinem ungestümen, jugendlichen Drang nach inner- und außerartlichen Kontakten in die Leine sprang. 37 kg Willenskraft bergab auf Kies sind tatsächlich auch für mich eine Herausforderung!

Um ihm und mir zu helfen, begann ich nun die Leine mit positiven Emotionen zu belegen. Ich vollzog also eine Gegenkonditionierung. Schritt für Schritt war Charly in der Lage, die Leine wieder als das zu sehen, was sie war: Eine lockere Verbindung zwischen ihm und mir und nicht mehr ein Gefangensein, dem er nicht entfliehen konnte, wenn er Angst hatte. Parallel dazu begannen wir mit dem DET nach Bina Lunzer und lernten gemeinsam!, dass es völlig ok ist, Hunde prima zu finden und ihnen aus der Ferne mit Hand und Rute zu winken. Der Weg und das kennt vermutlich jeder von euch, war und ist gepflastert mit Rückschlägen, Enttäuschungen und Frust (Frust, der aufgestaut zu aggressivem Verhalten führt ) auf allen Seiten. Es hat uns aber auch wahnsinnig zusammengeschweißt.

Das ´In- Die- Leine- Schmeißen´ ist also ein inzwischen erlerntes Verhalten, dessen Ursprung sich in einem instinktiven Handeln manifestierte . Auch hier wieder hat man einen konditionierten Vorgang : ein unkonditionierte wird zu einer konditionierten Reaktion. Sowohl beim Mensch, als auch beim Tier reicht teilweise nur ein! negatives Erlebnis, um eine sehr tiefsitzende Konditionierung zu produzieren, die mitunter auch löschungsresistent ist. D.h. Eine Gegenkonditionierung gestaltet sich langwierig und ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Mir hat es sehr geholfen, eine Zeichnung anzufertigen, wie sich dieser Zustand zusammensetzt. Zu Visualisieren, welche Ursache sich wo verborgen hat und gleichzeitig nach Lösungsstrategien zu suchen, half mir in der Akutsituation, distanzierter zu reagieren.
Emotionen sind aber natürlich weit mehr als Angst, Furcht, Wut oder Trauer. Emotionen können auch Freude, Liebe, Interesse, Sympathie oder Stolz sein. Zur Emotion gibt es einige Theorien, die ich nicht weiter vertiefen möchte, aber eines haben sie alle gemein: die Erkenntnis, dass Emotionen evolutionsbiologisch und zwar Spezies übergreifend, für das Anpassen an die Umwelt genutzt werden. Emotionen sitzen also tief in uns, entsprechend schwer sind sie kontrollierbar. Unser Körper reagiert auf Angst ohne unser bewusstestes Zutun mit einem erhöhten Muskeltonus. Übermütige Freude sorgt bei unsern Fellnasen für einen erhöhten Pulsschlag und ein herzerwärmendes Schwanzwedeln. Wenn nun ein Ereignis stattfindet, welches diese tiefliegenden Emotionen mit einer Person, einer Sache oder Situation verknüpft, versteht ihr, warum es so schwierig ist, diese wieder zu „löschen“; also eine Extinktion im Rahmen einer Desensibilisierung durchzuführen. Immer wieder kann es im Laufe dieses Prozesses zur sogenannten spontanen Erholung kommen.
Stellen wir uns unser Gehirn als eine Art komplexes Autobahnsystem vor, so kreuzen sich verschiedene Autobahnen. Manche sind wegen Baustellen oder Unfällen gesperrt, andere werden ausgebaut. Nehmen wir nun eine Situation, die mit der Emotion Angst belegt ist und stellen sie uns als Autobahn vor; Die A3 Richtung Angsteberg! Je öfter wir sie fahren, desto breiter wird die Fahrbahn. Ergo: desto mehr manifestiert sich diese Emotion im Verhalten. ( Charly´s Verhalten an der Leine) Da ich nun um diese Autobahn weiß, versuche ich sie zu umfahren, ich nehme eine Umleitung auf die A10 (gibt es tatsächlich und ist eine Ansammlung von Neuronen, die Dopamin produzieren) Richtung Glückshausen. Ich arbeite also auf mehreren Ebenen: durch das Benutzen der Umgehungsstraße baue ich einen positiven Gegenpol auf (bei Charly und mir das Belegen der Leine mit positiver Emotion), biete eine Alternative und Desensibilisiere die A3 Richtung Angsteberg. Natürlich kann es passieren, dass man( Charly) sich wieder auf die A3 verirrt ( spontane Erholung), dann hat er aber einen Beifahrer, der ihn hoffentlich schnell wieder auf die A10 leitet. Wir sind also in solchen Situation das emotionale Navigationssystem unserer Hunde. Und das können wir nur, wenn wir die Karte vorher studiert haben. Wenn wir wissen, warum sich wo und welche Unfälle befinden und wie wir eine Ausfahrt finden können, die uns zu einer Lösung führt.
Ein Beispiel für eine positive klassische Konditionierung ist z.Bsp. bei Charly das Klimpern meines Schlüssels. Er findet das Klimpern toll, weil er es mit einem positiven Gefühl verknüpft hat, dem nämlich, dass gleich der Spaziergang folgt. Auch das bewusste Anlächeln oder das gemeinsame Signal „ eeaassyy“ ermöglichen uns eine Millisekunde Entspannung . So versuche ich viele kleine, ich nenne sie „Konditionierungstupfer“ , zu schaffen. Kleine positive Tupfer eben, von denen ich in schwierigen Situationen Gebrauch machen kann. Ich ziehe mir vorm Spazierengehen also ein imaginäres weißes T-Shirt an und versuche unterwegs, möglichst viele bunte „Konditionierungstupfer“ zu malen. Ich weiß, Charly übernimmt das Beschmieren gerne großzügig, sollte ich mal ohne Tupfer nachhause kommen. In der Regel aber betrete ich mein Zuhause mit dem guten Gefühl, einige bunte Tupfer auf meinem Shirt zu finden.

Eure Aurea

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