Mehrhundehaltung – Fluch oder Segen?

Kaum ein Hundehalter hat heute noch nur einen Hund. Häufig werden zwei oder mehr Hunde miteinander gehalten. Die Hunde müssen miteinander auskommen, sie leben zusammen und verbringen meist den größten Teil ihrer Zeit in der Gruppe. Ich selbst halte zwei Hunde und habe meine Hunde nicht mit entscheiden lassen, ob sie das möchten oder nicht. Ich habe mich für einen zweiten Hund entschieden, um ihn zu retten. Das kennen sicherlich viele Leser, der zweite (oder xte) Hund kommt einfach ins Leben geschneit und dann ist man auf einmal nicht mehr alleine (oder eine noch größere Hundegruppe).

Die Mehrhundehaltung ist für viele Hunde ein Balanceakt zwischen „Ich fühle mich nicht wohl“ und „Ich mag sehr gern andere Hunde“. Dies soll nur dem Beispiel dienen, ihr könnt dafür gern andere Sätze verwenden, die besser auf eure Hunde passen. Wir Menschen, die wir häufig nicht alleine wohnen, haben immer die Möglichkeit uns zurück zu ziehen. Wir können unsere Tür schließen oder gar alleine spazieren gehen, in den Urlaub fahren oder Sport machen. Wir können uns also je nach unserem Gemüt immer wieder in die Einsamkeit zurückziehen. Unsere Hunde können das nicht! Je nach Haushalt werden die Hunde stundenweise getrennt oder haben gelernt, anzuzeigen, wenn sie eine Pause benötigen. Dies ist dann aber schon ein großer Trainingserfolg, wenn der Hund gelernt hat, sich aus der Situation herauszunehmen. Für viele Hunde ist die Strategie „weggehen“ nicht gut im Gehirn verknüpft und wird nur selten ausgeführt.

Dabei ist es so wichtig, dass die Hunde in der Mehrhundehaltung Auszeiten bekommen um die Impulskontrolle wieder aufzuladen und jedem Hund seine individuelle Zeit zu gönnen. Es eignen sich Kindergitter dafür oder abgetrennt Bereiche durch Kindergitter-Module.

Hunde reagieren in den meisten Fällen aggressiv, wenn sie eine beängstigende oder bedrohliche Situation nicht verlassen können. Dies führt dann zu Spannungen in der Hundegruppe und ist in meinen Augen der größte Fluch: Unstimmigkeiten in einer Hundegruppe werden nicht erkannt oder ignoriert nach dem Motto „Die klären das unter sich!“, alternativ höre ich sehr viel davon, dass der ranghöchste Hund bevorzugt wird und sein Mobbing-Verhalten ausbauen kann. Mein Rat: Bitte nicht! Mehrhundehalter sollten fit sein (oder werden) beim Thema „Hündische Körpersprache“ und die Unstimmigkeiten und Spannungen in ihrer Hundegruppe erkennen. Das ist der erste Schritt. In weiteren Schritten sollte an einer friedlichen Lösung gearbeitet werden, damit sich jeder Hund im Haushalt wohl fühlen kann. Es ist keine gute Idee das aggressive Verhalten eines Hundes noch zu unterstützen, sinnvoller ist es, dieses Verhalten freundlich zu stoppen beziehungsweise umzulenken und den Hunden zu helfen, die Situation zu lösen. Anfangs kann es helfen, die Hunde auf bestimmte Plätze zu schicken und dort zu belohnen. Weiterhin sollte Entspannungstraining mit Duft, Musik und Wort ausgeführt werden, damit das Erregungsniveau gesenkt wird.

Kommt es draußen zu Konflikten unter den Hunden? Der Auslöser muss erkannt werden und die Hunde müssen vor dem unerwünschten Verhalten umgelenkt werden. Einzelspaziergänge mit den einzelnen Hunden und Qualitätszeiten können helfen. Jeder Hund bekommt einmal pro Tag eine gewisse Zeit, die er allein mit seinem Menschen verbringen kann. Was dann mit dem Hund gemacht wird, ist im Grunde unrelevant, es sollte Hund und Mensch Spaß machen und keine negativen Emotionen hervorrufen.

Neben den negativen Aspekten der Mehrhundehaltung gibt es vieles, was ich als Segen ansehe. Es können wunderbare Beziehungen zwischen den Hunden entstehen, die bei reinen Gassibekanntschaften einfach nicht möglich sind. Viele Hunde mögen sehr gerne Körperkontakt und Kuscheln mit anderen Hunden. Dies kann der Mensch häufig nicht ersetzen oder nicht komplett.

Auch Interaktionen wie Spielen und gemeinsame Aktivitäten und die Freude der Hunde, wenn sie eben miteinander tollen und toben sind für viele Hunde unersetzbar. Auch gemeinsame, kleine Trainingseinheiten machen den Hunden Spaß und helfen beim Beziehungsaufbau.

Ängstliche Hunde, die nur schwer aus sich herauskommen, sich beispielsweise nicht von fremden Menschen anfassen lassen wollen oder sich generell nicht in neue Situationen hineintrauen, können sehr stark von der Mehrhundehaltung profitieren. Diese Hunde werden häufig emotional mitgenommen von ruhigen, ausgeglichenen und aufgeschlossenen Hunden und können sich sehr viel abgucken in der Mehrhundehaltung. Es kann also enorme Fortschritte im Training geben, wenn auf eine geeignete Zusammenstellung der Hunde geachtet wird.

Natürlich sind dies nur einige Punkte, dieser Artikel ließe sich noch unendlich ergänzen. Ich selbst habe momentan „nur“ zwei eigene Hunde, laufe sehr regelmäßig mit deutlich mehr Hunden und habe immer wieder Urlaubsgäste bei mir. Nicht für jeden Hund ist diese Gruppenhaltung geeignet, viele Hunde profitieren sehr stark davon. Ein freundlicher, friedvoller und durchdachter Umgang ist für einen positiven Lernerfolg entscheidend.

Anne Rosengrün

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