Operante Konditionierung Teil 3

Im ersten Teil hatte ich mich ja mit dem K-Wort auseinandergesetzt; nun möchte ich mich mit der operanten Konditionierung befassen. Die klassische und die operante Konditionierung haben bis auf ihren Nachnamen nichts gemein. Während bei der klassischen Konditionierung der Reiz und die Reaktion im Mittelpunkt stehen, spielen bei der operanten Konditionierung Konsequenz und Verhalten die Hauptrollen.

Was also genau ist die operante Konditionierung?

Um diese Fragen beantworten zu können begeben wir uns zurück in das Jahr 1930. Herr Skinner konnte durch ein Experiment mit Ratten (https ://de.wikipedia.org/wiki/Skinner-Box) in einer nach ihm benannten Box nachweisen, dass bei der operanten Konditionierung auf ein gezeigtes Verhalten durch eine nachfolgende Konsequenz dieses häufiger (Verstärker) oder seltener (Bestrafung) gezeigt wird.

Zunächst einmal sollten wir die Begriffe operant und Konditionierung unter die Lupe nehmen. Im Duden findet sich die Erklärung : operant = eine bestimmte Wirkungsweise in sich habend (Quelle: http://www.duden.de/rechtschreibung/operant )
Konditionieren = (Psychologie) bewirken, dass eine Reaktion auch dann eintritt, wenn an die Stelle des ursprünglich auslösenden Reizes ein anderer tritt. (http://www.duden.de/rechtschreibung/konditionieren)
Die Operante Konditinierung ist in vier Quadranten eingeteilt, die wir uns nun einzeln anschauen.

Positive Verstärkung (Quadrant 1 )

Ihr kennt es alle; man hat in seinem Job etwas richtig gut gemacht, wird dafür vom Chef oder Kunde gelobt. Was passiert? Ihr fühlt euch richtig gut! Ihr seid motiviert, es zu wiederholen. Klasse! Genau so funktioniert das auch in der Welt unserer felligen Freunde. Euer Hund macht etwas gut, wird belohnt und freut sich buchstäblich tierisch darüber, was zur Folge hat, dass er dieses Verhalten öfter zeigt. Lächelt ihr jemanden an und er lächelt zurück, werdet ihr es wiederholen, einfach weil es glücklich macht.
Ich möchte für alle vier Quadranten ein Thema mitverarbeiten, damit man sieht, wie unterschiedlich eine Herangehensweise sein kann. Das der Leinenführigkeit nämlich. Läuft mein Hund an der lockeren Leine, bekommt er eine Belohnung. So erhöht sich die Chance, dass er dieses Verhalten in Erwartung einer erneuten Belohnung öfter zeigt.

(Die positive Verstärkung kann auch negatives Verhalten fördern. Dann nämlich, wenn ich unerwünschtes Verhalten verstärke. Ich sehe ein heulendes Kind im Laden, weil es ganz unbedingt einen Lolli möchte. Damit das Kind endlich den Mund hält, kauft die Mutter ihm den Lolli. Ratet mal, was beim nächsten mal passiert, wenn die Mutter mit ihrem Kind den Laden betritt… genau, das Kind wird so lange Theater machen, bis es seinen Lolli bekommt. Das ist also eine positve Verstärkung die zu einer Häufung unerwünschten Verhaltens führt.)

Negative Verstärkung ( Quadrant 2 )

Die negative Verstärkung ist so das Mauerblümchen unter den Quadranten. Warum? Sie ist im Grunde unscheinbar und wenige schenken ihr Beachtung, entsprechend groß ist auch das Unwissen um diesen Quadrant. Aber : wie wir wissen, sind Mauerblümchen oft weit mehr als nur hübsch und unscheinbar. Das trifft auch auf die negative Verstärkung zu.
Zuerst möchte ich wieder ein Beispiel aus der Menschenwelt anführen: Ein Autofahrer fährt langsam, um nicht geblitzt zu werden. Sein Verhalten (das langesame Fahren) hat also zur Folge, dass eine für ihn unangenehme Situation (Bußgeldbescheid) nicht auftritt. Deswegen wird er dieses Verhalten öfter zeigen, denn es lohnt sich. Die unangenehme Konsequenz, also das Bezahlen des Bußgeldes verhindert er mit dem Verhalten, langsam zu fahren. Das vorrausschauende Handeln bleibt natürlich den Menschen vorbehalten. Ein Hund ist nicht in der Lage solche komplexen Denkvorgänge zu vollziehen. Am Beispiel der Leinenführigkeit seht ihr aber, wie die negative Verstärkung in der Hundewelt aussehen kann.
Der Hund zieht, wird in seiner Bewegung also eingeschränkt ( findet er blöd = aversiver Reiz/unangenehm), Frauchen bleibt nun stehen. Hund schaut sich um (was soll das jetzt = Umorientierung), geht ein paar Schritte zurück , Leine lockert sich und er hat wieder Bewegungsfreiraum (die Konsequenz seines Verhaltens ist die Entfernung des aversiven Reizes) .

Für den Hund stellt sich das folgendermaßen dar:

 Ich ziehe.. Mist geht nicht weiter, hmm, gut bleib ich stehen, mal sehen was passiert. Blöd, passiert nix, dreh ich mich mal rum und lauf ein paar Schritte zurück. Oh, ich kann mich wieder bewegen. Na, wenn das so ist, laufe ich lieber im Leinenradius.Lohnt sich mehr, als andauernd Zug auf meinem Geschirr zu haben, nicht weiterzukommen und Frauchen beim Handy tippen zuzuschauen… „

Die negative Verstärkung bedeutet also nicht, wie häufig fälschlich angenommen, dass ein negativer Reiz verstärkt wird, sondern dass eine vorher als unangenehm empfundene Situation aufgelöst wird, was zur Folge hat, dass ein Verhalten öfter gezeigt wird.

Positive Strafe (Quadrant 3)

Die positive Strafe ist als ein unangenehmer Reiz zu verstehen, der das erneute Auftreten bestimmter Verhaltensweisen verhindern soll
Heißt was?
Ihr holt euch einen Kaffee im Büro, verschüttet ihn versehentlich auf die Unterlagen. Nun kommt euer Chef und ihr kriegt eins auf den Deckel. Ihr werdet euch hüten, die Kaffeetasse nochmals in die Nähe der Unterlagen zu stellen.

Richtig?

Analog dazu: Die Leinenführigkeit. Mein Hund zieht an der Leine, ich rucke also feste an der Leine, denn das tut weh. Der Hund wird nicht mehr an der Leine ziehen, weil er Angst davor hat, erneut mit Rucken korrigiert zu werden. Also lässt er es bleiben.

Negative Strafe (Quadrant 4)

Die Negative Strafe, und auch hier entstehen immer wieder Missverständnisse, bedeutet, dass ein angenehmer Reiz ausbleibt.

Auf dem Tisch im Wohnzimmer steht eine Schüssel Bonbons. Franz möchte sich ungefragt eines nehmen. Seine Mutter nimmt die Schüssel zu sich(Entfernen eines angenehmen Reizes), was zur Folge hat, dass Franz künftig fragt.
So auch in der Hundewelt auf unsere Leinenführigkeit bezogen.
Der Hund läuft an lockerer Leine, freut sich auf seine Belohnung, bekommt aber nix mehr. Das findet er blöd. Da fragt er sich, warum er dieses Verhalten noch zeigen soll. Er ist frustriert. Er wird also unter Umständen wieder vermehrt an der Leine ziehen
Zusammenfassend sei gesagt:
Bestrafung führt zur Unterdrückung eines Verhaltens, Verstärker führen zu einer wahrscheinlichen Häufung von gewünschtem Verhalten!

Jeder von uns arbeitet mit Strafe! Es ist eine Lüge, zu behaupten, man arbeite rein über positive Verstärkung. Diese Aussage ist weder lerntheoretisch noch in der Praxis haltbar. Der Futterentzug ist negative Strafe, bei sensiblen Hunden kann der Zug an der Leine, den ich bei der negativen Verstärkung aufgeführt habe, eine positive Strafe sein. Die Übergänge sind oftmals fließend! Entscheiden kann dies am Ende nur der Hund! Ich sehe keine Notwenigkeit darin, als Hundehalter die Quadranten und deren Bedeutung zu kennen, denn viele Maßnahmen, die wir unseren Hund betreffend ergreifen, sind intuitiv einfach richtig. Ich persönlich finde es aber überaus interessant, weil man sich zwangsläufig selbst reflektieren muss und seine eigenen Erziehungsmethoden überdenkt. Und das ist genau das, was mich am Hundetraining so fasziniert. Jede Erziehung, ob auf die Menschen- oder Tierwelt bezogen, ist am Ende Selbsterziehung. Das Hinterfragen und kritische Betrachten seiner Gedanken und Ausführungen zum Thema Erziehung gehört für mich zur Basis einer gesunden Mensch-Hund-Beziehung. Deswegen bin ich den Lerntheoretikern sehr dankbar, weil ich mich an etwas „festhalten „ kann; ich habe eine logische Erklärung für mein Verhalten gegenüber meinem Hund und das meines Hundes. Das hilft mir persönlich ungemein, mich zu ordnen und weiterzuentwickeln.

Was lernen wir daraus?

Die klassische und die operante Konditionierung bestimmt unseren Alltag. Jede soziale Interaktion ist geprägt von Erfahrungen, die unser Verhalten verändern – positiv oder negativ. Für unsere Hunde bedeutet dies, dass alle Erfahrungen die er mit uns Menschen gemacht hat, mit seiner Umwelt, seinen Hundefreunden, Spuren hinterlässt, die wir vielleicht nicht immer sofort bemerken, den Hund aber nachhaltig prägen. Meinen Hund zu begleiten und zu VERSTEHEN, was meine Welt für Auswirkungen auf die seine hat, ist mein erklärtes Ziel. Deswegen gehören Herr Skinner und Herr Pawlow inzwischen zu meinem engeren Bekanntenkreis, weil sie mich in diesem Bestreben selbstlos unterstützen;)

 Aurea

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