Warm und sicher durch den Winter

 „Das macht mein Mann nicht mit“ hörte ich die Dame sagen. Verunsichert schaute sie mich an. Ich glaubte mich verhört zu haben und hakte nach. „Was genau macht dein Mann nicht mit?“.

„Na, er sagt, es sei Verhätscheln, wenn ein Hund einen Wintermantel bekommt. Für ihn ist das unnötiger Quatsch und ich kann mich da nicht durchsetzen“.

Während wir miteinander sprachen, stand Harro neben uns. Ich kannte den Hund schon eine Weile und hatte ihn im Sommer nie zittern gesehen. Jetzt aber stand er zitternd neben uns und wimmerte leise vor sich hin. Kein Wunder, denn die Straße war nass und es waren kaum noch 2 Grad draußen.

Mein Angebot, dass sie ihren Mann einmal mitbringen solle, lehnte sie mit den Worten ab, dass Hundeschule doch eh alles nur Quatsch sei. Der würde seinen Hintern im Leben nicht hierher bewegen.

Da ich nicht damit leben konnte, diesen frierenden Hund zu sehen, wollte ich nicht nachgeben und legte nochmal nach.

„Schau mal, es ist doch so. Du hast die Verantwortung für ein Lebewesen übernommen.Und dieses Lebewesen – Harro – ist vollkommen wehrlos deinen Entscheidungen ausgesetzt. An jedem Tag seines Lebens. Wann er frisst, was er frisst, wann er schlafen kann, wann ihr unterwegs seid, was ihr in der Hundeschule macht, wann und wo ihr Gassi geht. Harro muss sich all dem beugen, was du entscheidest. Das kann gut für ihn sein – es kann aber auch unschöne Facetten haben. Die Handlungen, die wir Hundehalter treffen müssen, basieren auf unserem Wissen und unseren Entscheidungen.“

„Na ja,“ warf sie ein „mein Mann ist halt ein harter Kerl. Der meint, dass der Hund sich nicht so anstellen solle und sich schon an die Temperaturen gewöhnen würde.“

Also zunächst einmal muss man wissen, dass Hunde unterschiedlich sind. Einige haben in der Tat soviel Fell und vor allem Unterwolle, dass sie problemlos mit der Kälte umgehen können. Mein damaliger Schäferhund schlief auf der Terrasse im Schnee, obwohl er jederzeit reingehen konnte. Weil mir dabei nicht wohl war, holte ich ihn ins Haus. Meine heutige Hündin hat keine Unterwolle und friert, sobald die Temperaturen winterlich werden. Hund ist also nicht gleich Hund. Mensch ist ja auch nicht gleich Mensch. Wenn meine Frau schon friert, laufe ich noch im T-Shirt im Garten herum.

„Ja“ meinte sie „das verstehe ich schon. Aber ein Hund, meint mein Mann, muss sowas abkönnen.“

Ich unterbrach sie und sagte: “ Natürlich kann ein Hund das ab. Was soll er denn tun? Sich ins Wohnzimmer beamen? Er muss es doch abkönnen. Er muss es aushalten können. Aber das kann doch unmöglich die Basis einer Freundschaft zwischen Zwei- und Vierbeinern sein.“

Wenn ich harte Dinge mag, dann kann ich sie mir selbst zumuten. Ich kann meine Muskeln trainieren, im  Winter im T-Shirt spazieren gehen, Felswände raufklettern, über heiße Glut laufen und auch Kampfsport ausüben. Was auch immer. Aber solche Entscheidungen kann ich doch nicht für mir anvertrautes Leben treffen. Ich kann doch nicht sagen: „Frier gefälligst, das härtet dich ab. Würdest du zum nächsten Training im Bikini kommen, weil du dich abhärten möchtest? Wohl kaum. Geht Dein Mann im Dezember in Badehose mit Harro Gassi?“

„Wenn dein Mann ein harter Kerl sein will, dann kann er dafür alles tun, was er will. Er ist frei in seinen Entscheidungen. Aber er kann doch seinen Hund nicht frieren und zittern lassen. Das ist nicht fair.“

„Na ja“ gab sie zu bedenken. „Und dann ist da ja noch unser Umfeld. Unsere Mitarbeiter machen sich ja schon ständig lustig, weil Harro so ein Weichei ist. Und die Nachbarn auch. Ich kann mir bildlich vorstellen, was sie sagen, wenn Harro jetzt auch noch einen Mantel trägt.“

Ich holte Luft. „Ok“ sagte ich. „Ich will dich jetzt nicht zuquatschen. Aber eines noch. Wenn du die Verantwortung für ein Lebewesen übernommen hast, dann hast du dies doch aus Liebe getan, oder? Und wenn du Harro liebst, dann muss dir das Gequatsche der anderen Menschen schlichtweg egal sein. Harro sollte dir näher stehen, als Mitarbeiter und Nachbarn. Sei stark, sei selbstbewusst und vertrete deine eigene Meinung. Nicht was die Nachbarn sagen zählt, sondern was deinem Hund gut tut und was für ihn, sein Wohlbefinden und seine Gesundheit wichtig ist.

Es geht nicht darum, ob er es aushalten kann. Es geht darum, ob du es ihm zumutest, dies aushalten zu müssen. Ich würde das vor meinem Hund nicht vertreten wollen. Von den gesundheitlichen Risiken will ich gar nicht sprechen. Kümmere dich um deinen Hund und pfeif drauf, was andere sagen. Mein Hund hat nur diese eine Chance. Nur dieses eine Leben. Mein Job ist es – meiner Meinung nach – ihm ein schönes Leben zu bereiten. Was ist Dein Job?“

„Ich habe eine Idee“ sagte ich, nahm sie mit rein und wir setzten uns vor den Rechner. Dort fanden wir dann einen schicken, warmen Wintermantel in Tarnfarben und der Aufschrift „Harter Brocken“. Später erfuhr ich, dass Herrchen den Mantel klasse fand und jetzt immer im Partnerlook mit Harro Gassi geht.

Und das Schönste war, dass ich sie auch davon überzeugen konnte, ein Leuchthalsband mitzubestellen. Ihr Argument gegen ein Leuchthalsband war, dass sie eigentlich nur abseits der Straßen Gassi gingen und Harro auf Bürgersteigen ja immer an der Leine sei.

Ich erklärte ihr, dass ich richtig sauer werden könne, wenn ich im Wald unbeleuchteten Hunden begegne und diese plötzlich vor mir und meiner Hündin stehen. Auch im Wald zu zeigen, dass man aufeinander zugeht oder den Weg kreuzt, hat einfach etwas mit rücksichtsvollem Verhalten zu tun. Ein Leuchthalsband verhindert ja nicht nur, dass mein Hund überfahren wird, es signalisiert auch anderen Menschen mit kranken, läufigen oder auch unverträglichen Hunden, dass da ein anderer Vierbeiner in der Nähe ist und gibt die Möglichkeit zum Ausweichen.

Außerdem ist es im Winter glatt und das Hinfallen gehört zur Glätte dazu, wie die Erbsen zur Suppe. Wer mag denn ausschließen, dass bei einem Sturz die Leine aus der Hand fällt und der Hund über die Straße rennen kann?

Harro läuft jetzt mit Leuchthalsband und Wintermantel im knackigen Tarnfarbenmuster herum. Frauchen und Herrchen sind glücklich. Und ich irgendwie auch.

Stefan Wittenfeld

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