Wenn die Futterbelohnung an Wertigkeit verliert, weil nicht nachgedacht wird

Von Menschen, die nicht verstehen, welche Bedeutung Belohnung im positiven Training hat und die Wertigkeit von Futter durch ihr Verhalten verspielen

Ich weiß nicht, ob ihr das kennt oder gar selbst mit diesem Problem konfrontiert seid. Mich macht es manchmal sehr hilflos und auch wütend. Ich muss dafür etwas ausholen und möchte euch einmal aus meinem Alltag berichten und den Kampf, den ich immer wieder führe.

Für mich ist positiv gestütztes Training Grundsatz und dazu gehört für mich auch die Bestätigung des erwünschten Verhaltens meiner Hündin über Futter. Übe ich etwas Schweres ein, dann wähle ich auch gerne Leckerlis, die für meine Hündin besonders hochwertig sind. Da sie körperliche Probleme hat, ist das Belohnen über ein Spielzeug etwas schwieriger. Sie liebt das Fressen und warum sollte ich das nicht als Belohnung einsetzen?

Vor einiger Zeit habe ich mit meinem Trainer am Rückruf gearbeitet – Ziel war der Abruf bei höchster Ablenkung. Natürlich haben wir uns im Vorfeld Gedanken gemacht, was für meine Hündin eine tolle Belohnung sein kann, ein richtiger Jackpot. Da meine Hündin gerne über Futter belohnt wird und ansonsten Trockenfutter erhält, war klar, dass ich es mit etwas Saftigem probieren wollte und mir kam gleich fette Lebercreme in den Sinn. Schließlich sollte es ja etwas Besonderes sein. 

Innerhalb kürzester Zeit mithilfe von kleinschrittigen Trainingseinheiten war der Ab- und Rückruf meiner Hündin perfekt. Dass die Leberwurstcreme da keine unbedeutende Rolle für das Ergebnis spielte, war mir absolut bewusst. Dass ich daher auch mit dieser Rückrufsituation und der Leberwurst nicht inflationär umzugehen hatte, war mir dabei auch deutlich klar.

Voller Begeisterung erzählte ich meiner Schwiegermutter von den tollen Ergebnissen, die ich mit Chiara erzielt hatte. Ich war so stolz auf uns.

Die Wochen vergingen und ich kam plötzlich in eine Situation, in der ich Chiara zurückrufen musste. Was soll ich sagen? Es ging komplett daneben. Meinen Unglauben könnt ihr vermutlich gut nachvollziehen. Ich hätte meine Hand dafür ins Feuer legen können, dass ich in der Lage bin, meinen Hund zuverlässig auch von sehr interessanten Ablenkungen abrufen zu können. Verzweifelt erklärte ich mich meinem Trainer, konnte ihm keine Gründe nennen und trotz intensiver Analyse kam ich zu keinem Ergebnis. Ich dachte mir schließlich, dass in dieser Situation irgendetwas für mich nicht Erkennbares gewesen sein muss, das mein Hund spannender fand und mich chancenlos zurück ließ. Dennoch schwor ich mir, noch genauer mein Umfeld, die Situation und vor allem meinen Hund bewusst wahrzunehmen.

Die darauffolgenden Wochen brachten Erleuchtung. Ich beobachtete zunehmend, wie Chiara an meinen normalen Leckerlis keinen Gefallen mehr fand. Da ich parallel an der Leinenführigkeit arbeiten wollte, brachte mich das schon in Not. Eine Belohnung, die immer gut funktionierte, hatte plötzliche keinerlei Wirkung mehr. Auf Anraten meines Trainers versuchte ich die Belohnungsqualität leicht zu erhöhen und auch die Leckerligabe zu variieren und auch Leckerlis abzuwechseln. Ein Rückgewinn der Aufmerksamkeit Chiaras konnte ich nicht in dem Maße erzielen, wie ich es noch vor Wochen von ihr erlebt hatte. Ich war enttäuscht, auch deprimiert und spürte doch eine gewisse Hilflosigkeit in mir aufkommen. Es hieß nun für mich, dass ich gut überlegen musste, welche anderweitigen Belohnungen für Chiara reizvoll sein konnten. Ich ging dann über auf spielerische, aber körperlich schonende Belohnungen und erlebte meine Chiara wie ausgewechselt. Ich hatte das Gefühl wieder etwas gefunden zu haben, mit der ich ihr zeigen konnte, dass ich toll finde, was sie macht und wie sie Signale von mir umsetzt. Dennoch fiel mir besorgniserregend auf, das Chiara zunahm. Für mich sehr rätselhaft, da ich kaum mehr mit Extrafutter und Leckerlis arbeitete und sie auch nicht weniger Bewegung bekam.

Die Ernüchterung folgte als ich eines Tages früher von der Arbeit nach Hause kam und zu meiner Schwiegermutter ins Haus ging und die Küche betrat, um Chiara abzuholen. Chiara erhielt in dem Moment ein riesiges Stück Hühnchenbrust. Einfach so! Als ich mich von meiner herunterfallenden Kinnlade erholt hatte, fragte ich meine Schwiegermutter, was sie denn da tue, warum sie Chiara etwas geben würde, was mit mir nicht abgesprochen sei!

Entgegenschwappte mir eine bittere Verärgerung. Meine Schwiegermutter erklärte mir erbost, dass sie ja ihren Enkelhund auch verwöhnen dürfe und wenn Leberwurst und Hühnchen solche Ergebnisse beim Training erzielen würden, dann würde der Hund ja deutlich zeigen, wie gut ihm das schmeckt. Es sei ihr Recht, wenn der Hund schon 4 Stunden bei ihr unterkäme, das Beste für den Hund zu kochen. Schließlich möchte sie, dass der Hund sie auch mag. Außerdem würde ich ja auch Schokolade essen, wann ich es will und nicht nur als Belohnung, wenn ich im Beruf etwas Tolles geleistet hätte.

Was soll ich sagen? Erklärungsversuche, dass sie damit meine Belohnungskultur beim Hund zunichtemache, Futterbelohnungen an Wertigkeit verlieren, weil der Hund sie auch ohne eine besondere Leistung täglich von ihr bekäme, ich es auch nicht mehr kontrollieren kann, was Chiara an zusätzlichem Futter bekommt, wenn sie sich nicht an die Abmachungen hält, stießen bei ihr auf taube Ohren.

Und ich stehe da, einer wichtigen Belohnungsform in meinem Training beraubt, mit einer unverständigen Schwiegermutter, die überhaupt nicht versteht, was sie mir für das Training mit ihrer Einschmeichele bei meinem Hund über Luxusleckereien antut, die felsenfest glaubt, sie würde dem Hund damit etwas Gutes tun.

Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass man sich mit (Schiweger)Eltern über Hundeerziehung genauso in die Haare kommen kann wie über Kindererziehung. Niemals hätte ich gedacht, dass meine Schwiegermutter meine Not, die aus ihrem Verhalten miterwachsen ist,  nicht verstehen will und sie weiter darauf beharrt, Chiara mit königlichen Luxusleckereien zu verwöhnen, nur um ihr Bedürfnis zu stillen, von Chiara geliebt zu werden.

Mit bleibt nur die Hoffnung, dass andere, die sich in meiner Erzählung in der Rolle der Schwiegermutter wiederentdecken, anfangen nachzudenken.

Ein Hund liebt einen zuverlässigen Menschen. Dazu gehört, dass der Hund weiß, dass man ihm verlässlich sein Futter gibt. Man wird nicht zwangsläufig beliebter, weil man superschmackhaftes Futter immer einmal wieder zwischendurch und einfach so gibt. Es mag sein, dass man spannender wird, aber damit in Kauf nehmen muss, dass die Bedeutung von Futter oder Leckerlis dort abnimmt, wo man eben genau auf diese Bedeutung angewiesen ist, um Abläufe und Signale zu festigen.

Bitte versteht, dass die Verantwortung eines Hundehalters darin liegt, dass sein Hund in wichtigen Situationen zuverlässig Verhalten zeigen kann. Dafür muss man trainieren, Zeit investieren und will fantastisches Verhalten auch fantastisch belohnen können. Das kann ich aber nicht, wenn jemand inflationär und unverständig mit Futter umgeht, das mir für meinen Hund eigentlich als Belohnung dienen sollte.

Viele sagten mir, dass ich meinen Hund dann nicht mehr zu meiner Schwiegermutter geben soll. Aber auf menschlicher Ebene finde ich das keine gute Lösung, denn man möchte ja miteinander klar kommen.

Mit Hilfe meines Trainers habe ich für mich folgende Lösung gefunden. Mein Trainer kam nach Hause und hat als außenstehender Experte auf sehr wertschätzende Weise meiner Schwiegermutter die Probleme aufgezeigt, wenn Futterbelohnungen an Wertigkeit verlieren. Zudem hat er meine Schwiegermutter ins Training integriert. Mein Trainer bat sie, sich auf eine Superbelohnung festzulegen, die anderen mir zu überlassen und Chiara dies nicht einfach so zu geben. Er hat dann gemeinsam mit meiner Schwiegermutter und Chiara ein Jackpotsignal aufgebaut, das bei meiner Schwiegermutter im Garten zum Einsatz kommt, wenn Chiara wieder ins Haus soll.

Ich selbst bringe Chiara nur noch zweimal zu ihr, anstatt fünfmal und ich versuche Ihr zu glauben, dass sie sich an unsere Abmachungen hält.

Wir werden sehen, ob wir damit einen Weg gefunden haben, der für uns alle drei funktioniert.

Annette Bauer

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